Hildegart Reichert: Der silberne Berg (und andere Märchen im alten Gewande)

Vergissmeinnicht und Immertreu

Ein junger König ritt einmal allein im Walde spazieren. Er dachte an eine schöne Prinzessin, die er bald heiraten wollte, und achtete nicht auf den Weg. Plötzlich merkte er, dass er schon fast bis an die Grenze des Nachbarreiches gekommen war. Als er umkehren wollte, hörte er klägliches Weinen, wie von einem kleinen Kind.

Nach langem Umherblicken fand er wirklich ein niedliches Baby, das unter dichten Zweigen versteckt lag. Niemand war in der Nähe, so sehr er auch rief. "Du armes Kind musst ja umkommen, so allein und verlassen im dunklen Wald", sprach der König, nahm den kleinen Knaben auf sein Pferd und ritt heim. Er schenkte ihn den Gärtnernsleuten, die keine Kinder hatten. Diese freuten sich sehr. Das Kind hatte einen Zettel am Arm, auf dem stand geschrieben "Immertreu". Deshalb nannten die Pflegeeltern ihn "Immertreu" und hatten ihn lieb wie ein eigenes Kind. Nun hatte auch der König seine Prinzessin geheiratet. Sie waren sehr glücklich, besonders, als sie eine kleine Tochter bekamen.

Die beiden Kinder wuchsen heran, spielten zusammen, und Immertreu, der seinem Vater im Garten half, pflanzte für die Prinzessin besonders viele Vergissmeinnicht, die sie so liebte. Weil ihre Augen so blau wie diese Blumen waren, nannte man sie überall "Prinzessin Vergissmeinnicht". Der Knabe hatte einmal eine Laute geschenkt bekommen. Darauf lernte er bald zu spielen, auch konnte er schön singen, und oft sang und spielte er Prinzessin Vergissmeinnicht schöne alte Lieder vor, und sie hörte immer gern zu. Die Zeit verging, Prinzessin Vergissmeinnicht war ein schönes Fräulein geworden und Immertreu ein stattlicher Bursche. Oft saßen sie zusammen auf der kleinen Bank vor dem Vergissmeinnichtbeet und wünschten, dass es immer so bliebe. Aber die königlichen Eltern sprachen: "Es ziemt sich nicht für eine feine Prinzessin, mit einem Gärtnerburschen auf einer Bank im Garten zu sitzen. Es wird Zeit, dass wir dir einen Prinzen aussuchen, den du heiratest."

Und der alte Gärtner sprach zu seinem Sohn: "Du bist jetzt erwachsen, gehe in die Welt und komme wieder, wenn du etwas dazugelernt hast." Am Abend trafen sich die jungen Menschen zum letzten Mal auf ihrer kleinen Bank, und Immertreu sang der Prinzessin ein Lied, das er sich selbst ausgedacht hatte.

Es hieß:
Vergissmeinnicht, vergiss mein nicht,
Nie werde ich jemals vergessen,
Wie wir auf dem Bänkchen gesessen,
Und an unsrer Jugend Glück
Denke mit Sehnsucht ich zurück.
Doch jedes Jahr wird der Lenz wieder neu,
Ich bleib dir immer, immer treu,
Immertreu.

Dann nahmen sie Abschied und waren beide sehr traurig. Am anderen Morgen wanderte Immertreu in die Welt. Er hatte seine Laute mit, und wohin er auch kam, freuten sich die Leute über seinen schönen Gesang und konnten nie genug hören. Überall wurde er gut aufgenommen. So kam er auch in das Nachbarreich, an dessen Grenze man ihn als kleines, hilfloses Wesen gefunden hatte. Da hörte der König des Landes von dem Sänger, der alle so begeisterte. Er ließ ihn ins Schloss kommen, um der Königin vorzusingen, weil sie immer so traurig war.

Das kam daher, weil ihr einziges Kind von Räubern gestohlen worden war, und nie hatte man wieder etwas von ihm gehört, trotz aller Nachforschungen. Nun sang Immertreu seine schönsten Lieder, und zum Schluss sang er das Lied vom Vergissmeinnicht. Als die Königin das hörte, fragte sie: "Wie heißt du und woher kommst du?" Nun erzählte Immertreu seine Lebensgeschichte, und dass der junge König ihn im Walde gefunden hatte. "Du bist unser vermisster Sohn", rief das Königspaar, und es herrschte große Freude. Als Immertreu dann von Prinzessin Vergissmeinnicht berichtete, die einen Prinzen heiraten sollte, sprach der alte König: "Morgen fahren wir ins Nachbarreich zu Besuch." Und so geschah es. Die Prinzessin freute sich sehr, ihren lieben Freund wiederzusehen, und weil er ja nun doch ein richtiger Königssohn war, durften sie Hochzeit machen, und alle Leute riefen: "Hurra, Prinzessin Vergissmeinnicht und Prinz Immertreu!"


Letzte Änderung: 1.1.2004
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