Hildegart Reichert: Der silberne Berg (und andere Märchen im alten Gewande)

Die Sternenkinder

Es war einmal ein armes Mädchen namens Asta. Es hatte keine Eltern mehr und wohnte ganz allein in ihrem kleinen Haus. Abends, wenn Asta von der Arbeit müde nach Hause kam, setzte sie sich gern draußen auf die kleine Bank unter ihrem Fenster und schaute zum Sternenhimmel empor. Ein Stern leuchtete besonders hell, und sie sah ihn immer wieder an und wünschte sich, einmal dort oben zu sein.

Als sie an einem Sommerabend noch spät zu ihrem Lieblingsstern hinaufblickte, kam plötzlich eine helle Gestalt in herrlich schimmerndem Gewande von oben herabgeschwebt. Das Mädchen erschrak. Die schöne Dame aber sprach: "Asta, fürchte dich nicht. Ich bin die Königin des Sterns. Ich will dich mitnehmen und dir mein Reich zeigen." Erfreut nahm Asta die Hand der strahlenden Frau und flog mit ihr in die Höhe. Nach wenigen Augenblicken standen sie auf dem Stern. Das war ein so schönes Land, wie man es sich gar nicht vorstellen konnte.

Es gab die herrlichsten Blumen und Früchte und wunderbare Tiere und Vögel und Schmetterlinge. Die Sonne schien warm. Die Königin zeigte Asta auch eine Quelle, in der sie sich waschen sollte, damit sie schön wurde. Dann bekam sie noch einen weißen Mantel, mit dem sie jede Nacht zu dem Stern fliegen konnte. Sie durfte auch von den Blumen und Früchten so viel mitnehmen, wie sie wollte. Aber sie musste versprechen, nie jemandem etwas von alledem zu erzählen und den Mantel vor allen Menschen zu verstecken. Dann verschwand die Sternkönigin, und Asta schaute überall umher, aß von dem Obst und pflückte sich einen Strauß. Nun wusch sie sich in der Quelle, zog den Mantel an und schwebte zur Erde herab.

Sie flog jede Nacht zu dem Stern, holte sich Früchte und wusch sich. Dadurch wurde sie sehr schön. Bald kam ein netter junger Mann, sie verliebten sich ineinander und heirateten. Jetzt konnte sie nicht mehr zu dem Stern fliegen, aber sie lebte glücklich und zufrieden mit ihrem guten Mann. Nur einen Kummer hatten sie: Sie hatten keine Kinder und wünschten sich doch so sehr welche. Oft schaute Asta zu ihrem Stern empor und dachte an diesen Herzenswunsch. Einmal musste der Mann verreisen und konnte erst am nächsten Morgen wieder heimkommen.

Als es Abend geworden war, hüllte sich Asta in ihren weißen Mantel, und bald stand sie auf ihrem geliebten Stern. Und was sah sie? Auf der Wiese zwischen Blumen lagen zwei allerliebste kleine Kinder, ein Junge und ein Mädchen. Daneben fand sie zwei weiße Mäntel. Nun wusste sie, dass diese Kinder ein Geschenk der guten Königin waren. Schnell wickelte sie die Kleinen in die Mäntel, nahm sie in die Arme und schwebte zur Erde nieder. Als der Mann am anderen Morgen kam, war seine Freude groß. Die Kinder waren sehr niedlich. Sie nannten das Mädchen Helle und den Knaben Licht. Als sie heranwuchsen, wunderte sich jedermann über ihre Schönheit, Klugheit und Freundlichkeit.

In dem Lande wohnte ein König, der nur einen Sohn hatte. Er hörte von den netten Kindern und dachte: "Das könnten gute Spielgefährten für meinen Sohn sein." Darum schickte er einen Boten, um die Kinder aufs Königsschloss zu holen. Jeder war entzückt von den beiden, und bald wohnten sie ganz im Schloss und wurden mit dem Prinzen zusammen erzogen. Als sie herangewachsen waren, sprach der Königssohn zu seinem Vater: "Ich will keine andere als Helle heiraten, denn keine Prinzessin auf der Welt gefällt mir so gut wie sie." Der König richtete eine große Hochzeit aus, und Helle wurde eine glückliche Prinzessin. Licht war der beste Freund und Berater des Prinzen. Nun lebte am Hof ein schönes Fräulein, und Licht wollte es gern zur Frau haben. Oft flog er nachts zum Stern, holte Blumen und Früchte und beschenkte die Dame.

Sie wollte gern wissen, woher diese seltenen Gaben kamen, aber Licht verriet es nicht. Da sprach sie: "Ich will dich zum Mann nehmen, aber nur, wenn du mir dein Geheimnis verrätst." Sie bat so lange, bis Licht ihr alles erzählte. Als er einmal nicht da war, nahm sie heimlich den weißen Mantel, zog ihn an und schwebte in die Höhe. Nach 200 Metern merkte die Sternkönigin den Betrug, und der Zauber war vorbei. Die Dame stürzte herunter und lag tot im Schlossgarten. Dort fand sie Licht am anderen Morgen. Er war sehr traurig, und als es Nacht wurde, zog er den weißen Mantel an und folg empor. Er ist nie wieder von dem Stern zurückgekehrt.


Letzte Änderung: 1.1.2004
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