Hildegart Reichert: Der silberne Berg (und andere Märchen im alten Gewande)

Die Rosenkönigin

Eine Königin hatte einen Sohn und suchte eine Frau für ihn. Es brauchte keine Prinzessin zu sein, sollte aber die beste Hausfrau der Welt sein, um den Frauen in ihrem Lande ein Vorbild zu sein. Die Mädchen, die sich meldeten, mussten eine Probe ihres Könnens im Schloss bestehen. Aber bisher hatten alle sie nicht erfüllt.

Nun meldete eine Frau ihre Tochter an, die in der ganzen Stadt als besonders tüchtig bekannt war. Sie wurde ins Schloss gerufen, und die Königin sprach zu ihr: "Du hast drei Aufgaben zu erfüllen. Wenn du sie bestehst, darfst du meinen Sohn zum Manne haben." Dann führte die Königin sie in einen großen Raum mit schönen Möbeln. Aber es herrschte eine große Unordnung und überall lag Staub, und Fenster und Vorhänge waren schmutzig. "Dieses Zimmer sollst du bis morgen säubern, dass alles blitzt und kein Stäubchen mehr zu finden ist. Am nächsten Morgen will ich sehen, ob du es gut gemacht hast", sagte die Königin. Das Mädchen stand am anderen Morgen früh auf und begann zu putzen und zu wischen ohne Unterbrechung, und am Abend glänzte alles vor Sauberkeit. Dann ging sie schlafen.

Nun war in dem Schloss eine Hofdame, die selber gern den Prinzen heiraten wollte und ihn keiner anderen gönnte. Leise schlich sie sich in das saubere Zimmer, streute überall Schmutz und Asche umher, zerriss die Vorhänge und warf die Sessel um. Als die Königin am anderen Morgen den Raum betrat, schüttelte sie den Kopf und sagte zu dem Mädchen: "Die erste Probe hast du nicht bestanden. Heute sollst du mir von diesem Stoff ein Kleid nähen, so prächtig, wie du kannst. Morgen will ich es sehen." Nun ging das Mädel an die Arbeit. Eifrig nähte es, und weil es so geschickt war, stickte es noch Blumen auf das Kleid, das ganz wunderschön geworden war, hängte es auf einen Bügel und ging zur Ruhe. Heimlich kam wieder die Hofdame, trennte von dem Kleid die Knöpfe ab, machte die Blumen schmutzig und riss Löcher in den Stoff.

Die Königin war am anderen Morgen ärgerlich, als sie das verdorbene Kleid sah, und auch die zweite Aufgabe war nicht erfüllt. Heute sollte das Mädchen für die Königstafel zehn schöne Torten backen, eine immer anders als die andere. Nach fleißiger Arbeit standen am Abend zehn wunderbar verzierte leckere Torten da, eine immer prächtiger als die andere. Nachts kam wieder das böse Fräulein und schlug mit einem Holzscheit auf die Torten, dass sie verdarben. Am anderen Morgen war die Königin sehr zornig, dass auch die dritte Probe nicht bestanden war, und schickte das Mädchen fort. Traurig verließ sie das Schloss.

Sie konnte sich nicht denken, warum die Königin so unzufrieden war. Nach Hause wollte sie nicht, weil sie den Spott der anderen Leute fürchtete. So ging sie eine Straße entlang, immer weiter. Sie schlief im Freien und wanderte weiter. Da wehte lieblicher Rosenduft ihr entgegen, und bald lag vor ihr ein großer Garten voll der herrlichsten Rosen, die in allen Farben blühten. Als sie ihn durchschritt, kam sie an ein Schloss, das aus rosa Marmor erbaut war und goldene Türen hatte. Dort wohnte die Rosenkönigin. Eine Glaskutsche hielt vor der Pforte, und die Königin trat hervor in einem Kleid, das aus Rosenblättern gemacht war. Sie sah das Mädchen stehen und fragte nach ihrem Begehr. "Ich suche Arbeit", sagte sie. Die Königin sprach: "Wenn du mir dienen willst, musst du jeden Tag den Honig aus den Rosen sammeln, den ich zum Frühstück esse, und du musst mir jeden Tag ein neues Kleid aus Rosenblättern nähen, und du musst die Wände meines Schlosses mit Rosenblättern abreiben, damit sie duften. Wenn du das kannst, darfst du bei mir bleiben." Das Mädchen versprach es, und da es fleißig und geschickt war, machte es alles zur Zufriedenheit der Königin.

Nun war schon einige Zeit vergangen. Das Mädchen tat immer treu seine Arbeit, und die Rosenkönigin gewann sie lieb und behandelte sie nicht wie ihre Dienerin, sondern wie eine Freundin. Da kam eines Tages der König aus dem Schokoladenland zu Besuch. Er brachte eine große Kiste voll Schokolade und viele Leckereien mit, die die Rosenkönigin nicht kannte und die ihr besser schmeckten als der Rosenhonig. Der König selbst war so braun wie Schokolade und prächtig gekleidet. Sein silberner Rock war mit großen Edelsteinen besetzt. Man konnte sie abnehmen, und dann wurden es herrliche Naschereien. Sie wuchsen aber sofort wieder nach, so dass jeder gern Süßigkeiten vom Rock des Schokoladenkönigs pflückte. Er erzählte von seiner Heimat und wie schön es dort sei und fragte die Rosenkönigin, ob sie nicht mitkommen und seine Königin werden wolle. Sie könnte alle Tage so viel Schokolade essen, wie sie möchte.

Der Vorschlag gefiel ihr gut, und sie sagte: "Ja." Bald war es soweit. Das Schloss mit dem herrlichen Rosengarten schenkte sie ihrer Freundin, die nun Rosenkönigin war. Sie selbst stieg in die Kutsche zu dem Schokoladenkönig und fuhr davon.

Nun war inzwischen die alte Königin aus dem Nachbarland gestorben, und der Sohn war König. Er hatte noch immer keine passende Frau gefunden, und die Hofdame mochte er nicht und hatte sie nach Hause geschickt. Er wollte sich nun selbst eine Braut suchen und ritt zu Besuch zu den Nachbarn. Aber die Prinzessinnen gefielen ihm alle nicht. Endlich kam er auch zu der Rosenkönigin und wurde freundlich aufgenommen. Sie gefiel ihm sogleich, und als er sie fragte, ob sie seine Frau werden wollte, sagte sie ja. Nach der Hochzeit merkte er, welch eine tüchtige Hausfrau er hatte, und so war doch der Wunsch seiner Mutter in Erfüllung gegangen.


Letzte Änderung: 1.1.2004
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