Hildegart Reichert: Der silberne Berg (und andere Märchen im alten Gewande)

Die Himmelssuppe

Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Fritzchen. Er hatte es gut, wohnte in einem schönen Hause, hatte liebe Eltern und eine gute alte Großmutter, die oben im Hause in einer kleinen Wohnung lebte. Die Eltern hatten oft keine Zeit für Fritzchen, und er mußte immer allein in seinem Zimmer oder im Garten spielen. Darum besuchte er oft seine Großmutter, die stets Zeit für ihn hatte, mit ihm spielte und Geschichten vorlas. Sie half auch, wenn er sich verletzt hatte oder einen Knopf verloren oder den Ärmel zerrissen hatte. Stets spendete sie Trost, wenn er gefallen war und das Knie schmerzte oder er sich gestoßen hatte. In ihrem Schrank lagen rotbäckige Äpfel und Kekse für Fritzchen. Es war wirklich eine sehr liebe Großmutter. Am schönsten war es, wenn Onkel Hans zu Besuch kam. Er war jünger als der Vater und immer so vergnügt. Und was er alles konnte: Er machte zerbrochenes Spielzeug heil, malte lustige Bilder und baute Kartenhäuser. Die Großmutter war immer besonders froh, wenn Onkel Hans sie besuchte, kochte herrlichen Pudding, und Fritzchen durfte mitessen.

Aber leider wurde die liebe Großmutter krank und lag im Bett. Fritzchen durfte sie nur selten besuchen und mußte sehr leise sein. Und eines Tages waren alle Leute im Hause sehr traurig. Die Mutter trug ein schwarzes Kleid und weinte.

Onkel Hans kam zu Besuch, aber er war gar nicht lustig. Er kümmerte sich fast gar nicht um Fritzchen und hatte verweinte Augen. Fritzchen konnte das alles nicht verstehen, als die Mutter ihm erzählte, daß die liebe Großmutter tot sei und jetzt als schöner Engel im Himmel lebe. Fritzchen langweilte sich sehr. Am liebsten saß er bei Martha in der Küche. Darum erlaubte der Vater nach einiger Zeit, daß er mit Martha auf den Rummelplatz gehen durfte. Dort war es herrlich. Martha hatte vom Vater etwas Geld erhalten und erfüllte Fritzchen alle Wünsche. Er bekam Kuchen, Süßigkeiten, Spielzeug, einen Luftballon und durfte immerzu auf dem Kinderkarussell fahren. Martha hatte inzwischen einen Soldaten getroffen und unterhielt sich mit ihm. Als der Junge aus dem Karussell kletterte, konnte er Martha nicht mehr sehen. Er ging darum allein weiter umher, sah sich alle Herrlichkeiten an und aß alle Leckereien auf, die Martha ihm gekauft hatte. Plötzlich kam er vor ein Zelt. Dort stand ein Mann in einer bunten, glänzenden Uniform und forderte die Leute auf, in das Zelt zu kommen, es sollte dort Wunderbares zu sehen sein. Dann trat aus dem Zelt eine zauberhafte Dame mit sehr roten Wangen und langen gelben Haaren. Sie trug ein Kleid, das von Gold und Diamanten blitzte. Sie lächelte und winkte und viele Leute traten ein.

Fritzchen wäre zu gern auch hineingegangen, denn er hatte noch nie in seinem Leben eine so schöne Frau gesehen. Aber er hatte kein Geld und konnte Martha nirgends erblicken. Es wurde auch schon dunkel, und so machte er sich auf den Heimweg. Als er zu Hause ankam, mochte er kein Abendbrot mehr essen, denn er hatte Leibweh von den vielen Süßigkeiten. Die Mutter brachte ihn zu Bett, und er erzählte ihr von seinen Erlebnissen und der wunderschönen Frau, die wie ein Engel ausgesehen hatte. "Ob die Großmutter jetzt wohl auch so schön aussieht?" fragte er. "Noch viel schöner", meinte die Mutter. Sie öffnete das Fenster, weil es so warm war, und wünschte ihrem Jungen eine gute Nacht.

Fritzchen lag mit offenen Augen im Bett. Er konnte nicht schlafen und dachte über seine Erlebnisse nach. Auch seine Großmutter und der schöne Engel auf dem Markt fielen ihm ein. Allmählich war der Vollmond am Himmel hochgestiegen und schien Fritzchen ins Gesicht. Der blinzelte ihn mit den Augen an, und da schien es ihm, als käme vom Mond herunter eine Rutschbahn gerade bis an sein Bettchen. Jetzt kamen wirklich zwei niedliche Engelbuben heruntergerutscht, bis in Fritzchens Zimmer. Der richtete sich im Bett auf und machte große Augen. "Fritzchen", sagten die Englein, "willst du uns heute Nacht im Himmel besuchen und mit uns spielen?" Das war aber eine Freude für den Jungen! Schnell schlüpfte er in seine Kleider, und dann kletterten alle drei auf der Rutschbahn zum Mond empor. Es dauerte nur wenige Minuten, bis sie oben waren. Im Mond öffnete sich ein großes goldenes Tor, und sie traten ein. Ein großer Engel kam auf sie zu, der noch viel, viel schöner war als die Dame auf dem Rummelplatz. Er hatte so liebe Augen und war sehr freundlich zu Fritzchen. Dann nahmen die beiden Engelbuben ihren kleinen Freund mit zu den anderen Engeln auf den Spielplatz. War das aber lustig! Sie sprangen und kugelten sich zwischen den Wolken umher, versteckten sich, lachten und jagten herum. Fritzchen war sehr glücklich. So vergnügt hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gespielt.

Nach einiger Zeit brachte ein Engel allerlei Musikinstrumente, und dann machten alle ein schönes Konzert. Immer mehr kleine Engel kamen hinzu, und wer kein Instrument hatte, sang fröhlich mir. Es war herrlich und schallte durch den ganzen Himmel. Nun kam wieder der große, schöne Engel, klatschte in die Hände und rief zu Tisch. Schnell eilten alle herbei. Auf einer großen Wolke war ein Tisch gedeckt, und jeder fand einen Teller mit Suppe, die so gut schmeckte, wie Fritzchen sie selten gegessen hatte, höchstens mal bei seiner Großmutter, wenn Onkel Hans zu Besuch kam. Als die Teller leer waren, bot der große Engel noch Suppe an, aber alle Engelkinder dankten, nur Fritzchen aß noch den zweiten Teller leer, so gut mundete es ihm. Der große Engel meinte nun, daß Fritzchen wohl wieder zur Erde hinunter müsse, damit seine Mutter sich nicht ängstige. Fritzchen bedankte sich bei allen sehr, verabschiedete sich von dem großen Engel und den kleinen Spielgefährten und versprach, bald wieder einmal zu Besuch zu kommen. Und als er allen zum Abschied zuwinkte, meinte er, die Augen des großen Engels sähen ihn so lieb an, wie es die gute Großmutter immer getan hatte. Dann setzte er sich auf die Rutschbahn, und hinab ging's bis ins Bettchen. Im gleichen Augenblick öffnete die Mutter die Tür und sagte: "Guten Morgen, Fritzchen, hast du gut geschlafen?" - "Überhaupt nicht", antwortete er, "ich war die ganze Nacht unterwegs." Nun erzählte er der Mutter seine Erlebnisse in der Nacht und besonders von dem schönen großen Engel, der so lieb zu Fritzchen war. "Ob das wohl die Großmutter war?" fragte er. Die Mutter glaubte es ganz. bestimmt.


Letzte Änderung: 1.1.2004
Kontakt: