Hildegart Reichert: Der silberne Berg (und andere Märchen im alten Gewande)

Die Königin mit der Glockenstimme

Vor langer Zeit lebten einmal ein König und eine Königin. Sie hatten zwölf Söhne, die alle groß und stark gewachsen waren. Die Königin hatte eine wunderbare Stimme. Jeden Sonntag stellte sie sich auf den Schlossturm und sang ein schönes Lied, das klang so hell und laut wie eine Glocke. Man konnte es auf der ganzen Welt hören, und alle Leute freuten sich darüber. Nun war aber neben dem Königreich ein großer dichter Wald, in dem Räuber hausten. Sie trauten sich jedoch nicht hervor, denn die Königssöhne hatten sie mit ihren Soldaten aus dem Lande gejagt, und es herrschte überall Ruhe und Frieden. Da sagte der König zu seinen Söhnen: "Ihr seid jetzt groß, zieht in die Welt auf Abenteuer aus, und übers Jahr kommt alle wieder zurück und bringt jeder eine Braut mit." Die Söhne waren zufrieden. Die Königin besaß eine Kette, die aus zwölf schönen Perlen bestand. Nun zerriss sie die Kette, reichte jedem Sohn eine Perle und sprach: "Diese Perlen sollt ihr euren Bräuten als Gruß von mir geben. Sie sollen sie an einem goldenen Band um den Hals tragen. Jeden Sonntag werdet ihr meine Stimme hören und dadurch wissen, dass es uns gut geht." Die zwölf Söhne nahmen Abschied und zogen in die Ferne, jeder in ein anderes Land.

Sie hatten viele Abenteuer zu bestehen, und jeder fand eine schöne Prinzessin, die mit ihm zu seinen Eltern ziehen wollte. Als das Jahr um war, machten sie sich mit großem Gefolge auf den Heimweg. Der König und die Königin lebten inzwischen ruhig weiter und warteten auf die Rückkehr der Prinzen. Die Königin sang mit ihrer Glockenstimme jeden Sonntag ein schönes Lied. Das Jahr war fast vergangen, als die Räuber im Walde erfuhren, dass die Prinzen nicht zu Hause waren. Eines Nachts schlichen sie leise in das Schloss, nahmen den König und seine Gemahlin gefangen, hielten der Königin den Mund zu, damit sie nicht mit ihrer lauten Stimme um Hilfe rufen konnte, und dann warfen sie das Königspaar in einen hohen Turm mitten im Wald. Der Turm hatte keine Tür, und daher konnte man die Stimme der Königin nicht hören. Da saßen nun die beiden Gefangenen und waren sehr traurig. Die Königin weinte und weinte, so dass ihr die Tränen wie ein Bächlein aus den Augen liefen. Das Tränenbächlein lief auf der Erde entlang und durch ein kleines Mauseloch aus dem Turm hinaus. Ein Reh kam und wollte aus dem Bach trinken. Da merkte es, dass das Wasser lauter Tränen waren. Schnell rief es die anderen Tiere des Waldes und erzählte von dem neuen Tränenbächlein. Die versammelten Tiere hielten Rat. Ein Vogel musste über den Turm fliegen und hineinsehen.

Als er zurückkam, berichtete er, dass der gute König und seine Frau gefangen seien, und dass die Königin immerzu weinte. Als die lieben Tiere das hörten, wollten sie ihnen helfen. Sie scharrten und wühlten und kratzten so lange, bis der Turm ein Loch hatte, das groß genug war, um die Gefangenen zu befreien. Wie dankbar waren sie den Hirschen und Rehen, den Hasen und Füchsen und Wildschweinen. Der König versprach, dass in seinem Lande nie wieder ein Tier geschossen werden sollte. Die Königin aber stieg auf einen Berg und rief mit lauter Stimme ihre Söhne um Hilfe. Diese befanden sich alle schon auf dem Heimweg. Als sie den Ruf hörten, ritten sie mit einigen Soldaten auf den schnellsten Pferden der Heimat zu und ließen die Bräute und die Dienerschaft nachkommen. Sie verjagten die Räuber schnell, die es sich in dem Königsschloss bequem gemacht hatten und alle Tage frohe Feste feierten. Viele wurden erschlagen, der Rest floh in den dichten Wald. Die Eltern freuten sich sehr über die Rettung und waren glücklich, dass sie ihre Söhne alle gesund wieder sahen.

Bald trafen auch die Prinzessinnen mit dem Gefolge ein, jeden Tag kam eine an, nur die Braut des jüngsten Sohnes kam nicht. Besorgt schickte man Boten entgegen, doch vergeblich, sie war verschwunden. Da waren alle sehr traurig. Der Braut war es aber so ergangen: Die Räuber hatten die Prinzessin und ihre Diener, als sie durch den Wald zogen, gefangen genommen und alle Wertsachen geraubt. Sie sperrten sie alle in ihre Höhle ein und dachten, dass sie ein hohes Lösegeld herausschlagen konnten. Die Königstochter bat die Räuber sehr, sie doch alle freizulassen, und versprach ihnen eine hohe Belohnung, aber die bösen Männer lachten sie nur aus. Deshalb entfloh sie eines Nachts heimlich aus der Höhle und lief, so schnell sie nur konnte. Als der Morgen graute, begegnete ihr eine alte Bettlerin. Die Prinzessin konnte ihr nichts schenken, weil die Räuber ihr alles fortgenommen hatten. Sie bat die Alte, die Kleider mit ihr zu tauschen. Das tat die Bettlerin natürlich sehr gern, denn ein so schönes Seidenkleid hatte sie ihr Lebtag noch nicht besessen. Die Prinzessin zog nun die Lumpen der Bettlerin an und eilte weiter.

Als die Räuber die Flucht entdeckt hatten, durchsuchten sie den Wald. Sie trafen auch die Braut, erkannten sie aber in der schlechten Kleidung nicht und ließen sie unbehelligt weiterziehen. Nach mühevoller Wanderung gelangte sie endlich zum Königsschloss und wollte hineingehen. Die Diener verwehrten es ihr aber und wollten sie fortjagen weil sie gar so garstig aussah. Sie bat aber so lange, bis sie die Königin riefen. Dann sagte sie zu ihr: "Ich bin die Braut deines jüngsten Sohnes." Die Königin wollte es nicht glauben. Darum zeigte sie ihr die Perle, die sie an einem goldenen Band unter ihrem Kleid verborgen trug. Die hatten die Räuber nicht gesehen. Daran erkannte die Königin sie und nahm sie in Freuden auf. Am glücklichsten war der Königssohn, dass er seine liebe Braut endlich wiederhatte. Sie bekam schöne Kleider und sah nun genau so hübsch aus wie früher. Dann erzählte sie, was sie alles erlebt hatte. Als die zwölf Brüder das hörten, zogen sie mit ihren Soldaten in den Wald, trieben die Räuber vollständig aus dem Land, befreiten die noch gefangenen Diener und nahmen alles Gold und alle Wertsachen mit, die die Räuber in der Höhle versteckt hatten. Jeder brachte einen großen Sack voll nach Hause. Dann wurde eine zwölffache Hochzeit gefeiert, die dauerte zwölf Tage lang. Sie lebten alle in Liebe und Einigkeit miteinander in dem großen Schlosse, und die gute alte Königin sang jeden Sonntag wieder ein schönes Lied mit ihrer Glockenstimme, die auf der ganzen Welt zu hören war.


Letzte Änderung: 1.1.2004
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