Hildegart Reichert: Der silberne Berg (und andere Märchen im alten Gewande)

Der Fischer



Am Rande eines Meeres wohnte ein junger Fischer mit seiner alten Mutter. Sie hatten nur eine kleine Hütte, und der Sohn verdiente durch den Fischfang nur so viel, wie sie zum Leben brauchten. Aber er war fleißig und immer fröhlich bei seiner Arbeit.

Eines Abends, als der Vollmond schon auf das Wasser schien und es ganz windstill war, nahm der junge Mann sein Boot und ruderte, mehr zu seinem Vergnügen, als um Fische zu fangen, hinaus. Da gelangte er in die Nähe einer kleinen Insel, die nur aus großen Steinen bestand. Auch unter dem Wasser nahe der Insel waren große Steine, so dass ein Schiff daran zerbrechen musste.

Die Fischer mieden diese Insel, er aber wurde übermütig, warf sein Netz aus und ruderte vorsichtig nahe heran. Da merkte er, dass sich etwas im Netz verfangen hatte, zog es heraus aus dem Meer und sah, dass er den Nixenkönig gefischt hatte. Er war ein hässlicher Mann, der mit Fischschuppen bedeckt war. Er trug aber eine goldene Krone mit funkelnden Diamanten. "Lass mich zurück ins Wasser", bat er. Der Fischer antwortete: "Erst musst du mir einen großen Haufen Gold und Perlen geben."

Der Nixenkönig wollte ihm das Gewünschte bringen, aber der Fischer sollte versprechen, niemandem von ihm zu erzählen und nie wieder herzukommen. Er versprach es und ließ seinen Gefangenen frei. Der Nixenkönig tauchte unter und kam nach kurzer Zeit mit zwei großen Beuteln voll Gold und Perlen zurück, warf sie ins Boot und verschwand wieder. Nun freute sich der Fischer, denn jetzt war er sehr reich. Er fuhr nie mehr auf Fischfang, sondern ließ sich ein prächtiges Haus bauen, und seine alte Mutter hatte es nun gut. Bald fand er auch eine schöne Frau, und sie lebten vergnügt dahin. Einmal, als er ausgegangen war, fand die Frau das Gold, und nun dachte sie, dass es nie alle werden könnte.

Sie kaufte sich kostbare Kleider und herrlichen Schmuck, lud viele Leute ein und feierte große Feste. Der Mann warnte sie, weil der Reichtum immer kleiner wurde. Sie aber wollte nicht hören und verschwendete alles. Zuletzt machte sie sogar Schulden. Da sprach der Mann: "Jetzt müssen wir das Haus verkaufen, und ich muss wieder auf Fischfang fahren." Die Frau wollte nun unbedingt wissen, woher ihr Mann das Gold und die Perlen bekommen hatte. Er wollte es nicht sagen, weil er sein Versprechen nicht brechen wollte. Sie quälte und schmeichelte aber so lange, bis er ihr doch alles erzählte. Da sagte sie: "Du wirst heute Abend, weil wir Vollmond haben, wieder zur Steininsel rudern und den Nixenkönig fangen." Er wollte es aber nicht. Darum stieg die Frau abends allein in das Boot, ruderte zur kleinen Insel und warf das Netz in die Tiefe.

Da kam plötzlich eine riesengroße Welle, kippte das Boot um, und die Frau ertrank im Wasser. Der Fischer stand am Ufer und wartete die ganze Nacht, aber seine Frau kam nicht wieder. Am nächsten Morgen spülten die Wellen den Kahn ans Ufer. Da wusste er, dass er seine Frau nie wiedersehen würde. Er musste das Haus verkaufen, um alle Schulden zu bezahlen.

Dann zog er mit seiner Mutter in die alte Hütte und fuhr wieder zum Fischfang aus. Ganz langsam kam seine alte Fröhlichkeit zurück.


Letzte Änderung: 1.1.2004
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