Hildegart Reichert: Der silberne Berg (und andere Märchen im alten Gewande)

Die Feenlocken

Im Feenlande wurde einmal ein Kind geboren, das statt der goldenen Haare schwarze Locken hatte. Als die Feen das Kind sahen, sagen sie: "Pfui, wie ist es hässlich!" Die Mutter glaubte es schließlich auch und liebte ihr Kind nicht mehr. Das kleine Feenmädchen war darüber sehr traurig. Es war auch gar nicht hässlich. Obwohl alle Feen goldblond sind, waren die schwarzen Locken wunderschön weich und glänzend. Aber keiner im Feenlande mochte sie. Die Feen erzählten oft von den Menschen, dass sie böse wären und man sich vor ihnen hüten müsste. Zum Glück können sich die Feen unsichtbar machen, darum bekommt man sie auch nie zu sehen. Die Feentochter war nun herangewachsen, aber sie tanzte und spielte nicht mit den anderen Feen, sondern ging nur traurig umher. "Ach", dachte sie, "an dem Unglück sind nur meine schwarzen Haare schuld. Ich werde sie abschneiden und das Feenreich verlassen. Hartherziger als die Feen werden die Menschen auch nicht sein." Sie ging in den Wald, schnitt mit einer Schere ihre schönen schwarzen Locken ab, und der Wind wehte sie fort. Dann band sie ein weißes Tuch um den Kopf und ging durch den Wald bis an die große Straße. Weil sie müde war, setzte sie sich auf einen großen Stein und ruhte sich aus. Nach einer Weile kam ein Mann mit einem Wagen vorbei. Er sah die schöne Frau am Wege sitzen und dachte, sie sei eine Krankenschwester, weil sie das weiße Tuch um den Kopf gebunden hatte. Er hielt an und fragte sie: "Willst du mit in die Stadt fahren?" Sie freute sich und stieg ein. Unterwegs erzählte der Mann, dass der junge König sehr krank sei und kein Arzt ihm helfen könne. "Du mit deinen zarten Händen könntest ihn gewiss gut pflegen." Das wollte die Fee gern tun. In der Stadt wurde sie gleich zu dem kranken König geführt und pflegte ihn, so gut sie konnte. Die abgeschnittenen Locken hatte der Wind in viele Richtungen verweht. Nun ist es so: Wer eine Feenlocke findet, darüber streicht und einen Wunsch ausspricht, dem geht er in Erfüllung.

Nun kamen ein paar liebe Kinder in den Wald und spielten zwischen den Bäumen. Da rief ein Mädchen: "Seht nur, was ich gefunden habe!" Sie hielt eine Feenlocke in der Hand. Die anderen Kinder kamen herzu und strichen mit ihren Fingern darüber. Sie wunderten sich, wie seidenweich das Haar war. "Ob es wohl von einer Fee stammt?" fragten sie einander und wünschten sich, mal eine richtige Fee sehen zu können. Plötzlich hörten sie lieblichen Gesang, und als sie sich umwandten, sahen sie eine Schaukel aus Blumen gewunden zwischen den Bäumen hängen. Darauf saßen wunderschöne Kinder mit goldenen Haaren und Kleidern wie Seidenschleier. Als ihr Lied zu Ende war, kamen sie zu den Kindern und tanzten und sprangen mit ihnen im Walde umher. Als es dunkel wurde, waren die Feenkinder verschwunden.

Ein alter Mann kam abends müde von der Arbeit nach Hause. Auf der Straße fand er eine Locke, hob sie auf und dachte: "Ich will sie meiner lieben Frau zeigen, unser Sohn, der vor vielen Jahren fortgezogen ist und nie wiederkam, hatte auch so schöne schwarze Haare." Die Frau freute sich über die Locke, streichelte sie und sprach: "Ach, ich möchte so gern unseren lieben Sohn noch einmal wiedersehen und ihm über das Haar streichen können." Da klopfte es, und herein trat der lange vermisste Sohn und umarmte seine glücklichen Eltern. Er hatte viele Abenteuer erlebt und brachte einen Beutel Geld mit, so dass es die alten Eltern gut hatten bis an ihr Lebensende.

Zwei kleine Knaben sammelten Holz im Wald. Sie waren sehr arm und beide Eltern krank. Auch sie fanden eine Feenlocke zwischen den trockenen Zweigen an der Erde. Als sie darüber strichen, sagten sie zueinander: "Wie schön die Locke ist, aber uns kann nichts erfreuen. Wenn doch die lieben Eltern gesund wären und wir nicht so schrecklich arm!" Als sie nach Hause kamen, saßen Vater und Mutter gesund am Tisch und zwischen ihnen ein fremder Herr. Der hatte ihnen die Nachricht gebracht, dass sie von einem entfernten Verwandten einen kleinen Bauernhof geerbt hätten. Das war aber eine Freude!

Eine einsame weißhaarige alte Dame ging spazieren und kam an einer Wiese vorüber, wo das junge Volk lustig tanzte. Ihr flog eine Feenlocke gerade auf die Hand. "Wie schön!" . rief sie und dachte daran, wie sie jung war und auch noch dunkle Haare hatte, und sie sprach so vor sich hin, indem sie über die Locke strich: "Ich möchte wohl noch einmal so jung sein wie diese jungen Leute, die dort tanzen." Plötzlich merkte sie, wie alles Alte und Müde von ihr abfiel. Sie fühlte sich so frisch und leicht wie in ihrer Jugend. Da kam ein hübscher junger Bursche auf sie zu und bat sie zum Tanz. Er sagte ihr, sie sei das reizendste junge Mädchen, das er je gesehen habe. Er wurde ihr Schatz, und sie heirateten und waren glücklich.

Ein junger Bauer brachte mit seinem Esel Korn zur Mühle. Er dachte mit Sorge an seine Braut, die reiche Müllerstochter. Ihr Vater wollte ihn nicht zum Schwiegersohn haben, weil er nur einen kleinen Hof besaß und nicht viel Geld hatte. Da kam eine Feenlocke vorbeigeflogen. In Gedanken griff er danach, betrachtete sie und freute sich über den Glanz. Er dachte: "Ich will sie meinem Mädchen schenken", und sprach, indem er die Locke streichelte: "Ach, wenn doch der Müller nicht so hart wäre und mir seine Tochter zur Frau gäbe!" Als er zur Mühle kam und seinem Esel den Kornsack abnahm, trat der Müller zu ihm. Er war sehr freundlich, lud ihn in seine Wohnung und rief die Tochter. Dann sprach er zu ihr: "Dein Schatz ist ein treuer, fleißiger Bursche. Du kannst ihn haben!" War das aber eine Freude!

Am Ende des Dorfes wohnte eine arme Witwe mit ihrem kleinen Sohn. Sie hatte viele Sorgen. Ihr Mann hatte vor einigen Jahren das Häuschen gekauft. Nun, wo er tot war, kam der frühere Besitzer und sagte: "Dein Mann hat das Haus noch nicht bezahlt. Ich will es wieder zurücknehmen, und du und dein Kind müssen ausziehen." Die Frau wusste, dass das Haus längst bezahlt war, konnte aber die Quittung dafür nicht finden. Sie wusste nicht, was sie anfangen sollte. Einmal musste sie fortgehen und sprach zu ihrem Söhnchen: "Spiele artig mit den Klötzchen, bis ich zurückkomme." Der Knabe tat es, aber als er einmal ein Klötzchen hochwarf, traf er den alten Spiegel. Der fiel klirrend zur Erde. Tief erschrocken lief der Kleine fort bis in den Wald. Dort warf er sich ins Moos und weinte, weil seine liebe Mutter bestimmt nun noch trauriger sein würde. Plötzlich glänzte vor ihm eine schwarze Feenlocke. Er hob sie auf und strich darüber. Dabei dachte er: "Wenn meine Mutti mir doch nicht böse wäre, sondern wieder so fröhlich wie früher." Er eilte nach Hause und öffnete ängstlich die Tür. Da kam ihm die Mutter mit frohem Gesicht entgegen. Was war geschehen? Hinter dem herabgefallenen Spiegel befand sich ein kleines Geheimfach, von dem sie nichts wusste. Darin lagen die Urkunden und Papiere, auf denen bescheinigt war, dass ihr das Haus gehörte. Außerdem lag dort noch ein Beutel harter Taler, die der Vater heimlich gespart hatte. Jetzt war alles gut, und die Mutter machte immer ein frohes Gesicht.

Die Feenlocken haben noch viele Menschen glücklich gemacht. Vielleicht finden wir auch noch eine.

Die schwarzhaarige Fee weilte noch immer im Königsschloss und pflegte den kranken König mit großer Hingabe. Er war sehr dankbar, dass er eine so gute Pflegerin hatte. Leider wurde er immer kränker, und die Ärzte sagten, dass er wohl bald sterben müsste. Eines Tages sprach der König zu der Fee: "Ach, nimm doch einmal deine Haube vom Kopf, damit ich deine Haare sehen kann. Die Fee erschrak, denn sie dachte: "Wenn er sieht, dass sie schwarz sind, wird er mich fortschicken", und sie weigerte sich. Als der König aber immer wieder bat, nahm sie die Haube ab.

Ihre Locken waren inzwischen wieder gewachsen und glänzten so schön, dass der König ganz entzückt war. Er bat sie, einmal darüber streichen zu dürfen. Als die Fee sich zu ihm hinunterbeugte, sagte er: "Jetzt sehe ich erst, wie schön du bist, und wie weich ist dein Haar. Ach, könnte ich doch gesund sein und dich zu meiner Königin machen!" Als er diese Worte ausgesprochen hatte, fühlte er sich gleich viel wohler. Bald konnte er das Bett verlassen und war kerngesund. Dann heiratete er die Fee, und alle Leute waren fröhlich. Die Ärzte aber konnten die Heilung nicht begreifen und schüttelten die Köpfe, dass die Perücken wirbelten.


Letzte Änderung: 1.1.2004
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